Die wahre Liebe – ein Plädoyer für Selbstliebe. VISIONEN-Essay von Katja Niedermeier (12/2015)


visionen 12 cov_2015_12_mlIch liebe vietnamesische Sommerrollen! Ich liebe tolle Hotels! Ich liebe es, meine Schuhe von den Füßen zu schleudern und letztere für eine Massage zur Verfügung zu stellen… Aber mal unter uns: Meine ich hier wirklich „liebe“? Diese uneingeschränkte, bedingungslose Liebe, die nichts erwartet und alles verzeihen kann? Wohl kaum. Schließlich stelle ich an Sommerrollen, tolle Hotels und Fußmassagen relativ hohe Ansprüche. Ja, ich gebe zu, es gibt Dinge, da bin ich etwas pingelig. Das Schöne ist ja, dass bei Sommerrollen, tollen Hotels und Fussmassagen nicht wirklich viel, genauer gesagt sehr, sehr wenig falsch zu machen ist. Und wenn doch, dann ist es kaum erwähnenswert. Die Liebe allerdings…, hier kann eine Menge schief laufen, fehlinterpretiert und zu hoch erwartet werden. Dabei gibt es da gar nichts zu verstehen und zu erwarten, sondern nur zu fühlen und geschehen zu lassen. Alles andere ist nicht Liebe, sondern irgend etwas Anderes. Liebe ist auch nicht etwa ein Gefühl oder gar eine Aufgabe. Sie ruft lediglich Gefühle hervor, ist selbst aber keines. Wer sie fühlen will, kann sie tatsächlich auch als echte Aufgabe empfinden, doch in sich selbst, ist sie keine. Zu lieben bedeutet, blind zu vertrauen, nichts überprüfen, kontrollieren oder checken zu wollen, sondern innerlich wohlgesonnen, zuversichtlich und friedlich zu sein. Zu lieben bedeutet auch, enttäuscht werden zu können und wahrzunehmen, dass die vorherige Täuschung lediglich auf falschen, eigenen Ego-Erwartungen basierte und schon allein deswegen alles halb so wild und nicht weiter der Rede wert ist. Zu lieben bedeutet, felsenfest an den anderen zu glauben, ihn nicht anzuzweifeln, einfach zu wissen, dass das, was er macht, genau das ist, was er eben tun muss, weil er gerade nicht anders kann oder nicht anders will (und beides ist ok!), und dass eben dies für irgendetwas gut sein wird. Zu lieben bedeutet, auf Vorwürfe zu verzichten, Fehl-Entscheidungen, die nur einer von beiden getroffen hat, gemeinsam zu durchleben und auch dann noch voller Wärme zu sein, wenn der Andere weder fröhlich, noch freundlich, noch gesund, noch sexy ist. Die Liebe ist ein Zustand des Seins. Des wunsch- und bedürfnislosen Ein- und Ausatmens. Das funktioniert! Und zwar genau dann, wenn wir uns selbst lieben inklusive unserer vermeintlichen Schwächen, also ohne diese Schwächen als schlecht zu verurteilen und ohne sie deshalb loswerden zu wollen. Wenn wir uns unsere Schwachpunkte nämlich wie ein grosses, schweres Kreuz vorstellen, welches wir durch unser Leben schleppen, dann haben wir manchmal nicht schlecht Lust, uns von diesem klobigen Ding zu trennen oder wenigstens hier und da etwas abzusägen, damit es für uns leichter werden möge und damit wir dadurch für die Gesellschaft gefälliger werden. Doch das ist nicht weise! Irgendwann nämlich kommen wir alle an den Punkt, an dem uns unser Kreuz nur in seiner kompletten, unhandlichen, sperrigen Länge als Brücke dienen kann. Es existiert nämlich keine Eigenschaft, die für diese Welt vollends ohne Nutzen wäre, denn alles, was wir als „schlecht“ wahrnehmen, ist der notwendige Pol für das Gute. Seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, setzt also voraus, zunächst sich selbst zu lieben, sonst klappt es mit der christlichen Nächstenliebe nur unter bestimmten Bedingungen. Das nennt man dann aber „Handel“ und nicht mehr „Liebe“. Wir können uns nur dann uneingeschränkt geliebt fühlen und andere bedingungslos lieben, wenn wir begreifen, dass wir nicht besser sind als irgendjemand anderes und niemand besser ist als wir selbst - wenn wir also aufhören zu urteilen und zu verurteilen, zu vergleichen. Sobald wir einsehen, dass sämtliche unserer Eigenschaften einen wichtigen Teil des Ganzen ausmachen, öffnet sich die Tür für wahre Liebe. Wer hier noch mit sich hadert und hart ins Gericht geht, weil er sich selbst „zu dies“ oder „zu sehr das“ findet, wird diese lieblose Selbstkritik auch seinem Gegenüber bei nächstbester Gelegenheit angedeihen lassen. Liebe ist der Zustand des Nicht-Verbessern-Wollens und des Nichts-anders-haben-wollens-als-es-ist. Die wahre Liebe ist nicht selbstlos. Sie pflegt es und geht achtsam mit dem eigenen Selbst um. Die wahe Liebe kümmert sich liebevoll um das eigene Selbst und wagt es, für dieses Selbst auch in sperrigen Momenten einzustehen. Nicht etwa aus egoistischen Gründen, sondern zum Wohle aller. Denn nur, was wir uns selbst an Gutem angedeihen lassen, können wir bedingungslos auch anderen gönnen, schenken und zugestehen. Im Zustand der Liebe erkennen wir die enorme Größe eines jeden anderen und lassen dessen Eigenschaften urteilsfrei zu. Dann können wir angstfrei jedem Menschen erlauben, über sich und über uns hinaus zu wachsen, Entscheidungen zu treffen, die unserem eigenen Ego vielleicht schmerzen, dann können wir letzteres verzeihen und werden spüren, dass wir frei sind. Angst und Liebe gehen niemals Hand in Hand. Vertrauen Sie, glauben Sie, seien Sie mutig und – bitte – lieben Sie, als gäbe es kein Morgen.

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