Der Schlüssel zu innerem Frieden – Essay von Katja Niedermeier für das Magazin VISIONEN (02/2016)


cov_2016_02Mein Mann und ich wollten mit unserer Tochter an einem regnerischen Tag ins Kino gehen. Wir hatten beide große Lust auf den animierten Film „Alles steht Kopf“, der auf smarte Weise die Gefühlswelt beleuchtet und dessen Trailer uns sehr angesprochen hatte. Unsere Tochter fand die Idee doof und war mehr für „Fack ju Göhte 2“. Große Diskussion vorm Kino. Zähneknirschend ließ sich auf das Experiment ein. Der Film lief noch keine 10 Minuten, da flüsterte sie mir zu: „Mami… der Film ist ja über mich! Hast du das etwa gewußt?!“

Der Film erzählt die Geschichte von uns allen: Wir öffnen als Neugeborene an irgendeinem Tag die Augen und sofort wird der Samen der Freude in uns gesät. Dieses Fräulein Freude ist sehr fürsorglich und besteht darauf, die Kontrolle über den kindlichen Alltag zu haben. Gefühlskollegen wie Kummer, Zorn, Angst und Anti-Haltung (Ekel) empfindet sie als höchst schädlich und möchte diese so selten wie möglich ins Cockpit lassen. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, so viele freudige Erinnerungen wie möglich zu sammeln und diese wie einen kostbaren Schatz zu beschützen. Die kleine pummelige Madame Kummer ist etwas verpeilt, würde aber auch gerne mal die eine oder andere Erinnerung anfassen oder ein paar Knöpfe drücken. Doch das läßt Freude nicht zu, damit es gar nicht erst zu unschönen Erlebnissen kommt.

Im Laufe des Films wird deutlich, dass diese ominpräsente Freude so ganz langsam ein kleines Bißchen anfängt zu nerven. Immerhin muss sie sich auch sehr anstrengen, allzeit am Start zu sein und alle anderen Gefühle in Schach zu halten.

Also passiert etwas in der Geschichte, bei dem sowohl Fräulein Freude als auch Madame Kummer aus der Kommandozentrale des Bewusstseins herauskatapultiert werden, so dass nur noch Angst, Zorn und Anti-Haltung zurückbleiben. Mit einem Mal kann die elfjährige Protagonistin des Films weder Trübsal noch Freude empfinden. Dadurch gelangen jede Menge Erlebniserinnerungen ins System, die alles andere als freudvoll sind. Die Werte, die das Mädchen bisher hat aufbauen können („Familie“, „Freundschaft“, „Hobby“ und „Spaß-Haben“) bekommen nun aufgrund von Streitereien, Mißverständnissen, Trotz und mieser Laune bedrohliche Risse, geraten ins Wanken und fangen an zu Bröckeln. Das große Drama bricht los.

Während dessen sind Freude und Kummer in den Untiefen des Unterbewusstseins gelandet. Von hier versuchen sie verzweifelt, ihren Weg zurück ins Bewußtsein zu finden, was sich höchst abenteuerlich gestaltet. Ein längst in Vergessenheit geratenes Kindheitsphänomen (der für andere Leute unsichtbare, imaginäre Freund) kreuzt dabei ihren Weg und bietet Hilfe an. Missliche Umstände betrüben nach einer Weile diesen alten Freund und Freude versucht ihr Bestes, um ihn aus seinem Stimmungstief wieder heraus zu holen - vergeblich. Da setzt sich Madame Kummer zu ihm, was Fräulein Freude panisch werden läßt. Doch Kummer läßt sich diesmal nicht beirren und leistet still Beistand, hört zu, erklärt Verständnis und siehe da - für den in Vergessenheit geratenen imaginären Freund ist auf einmal alles nur noch halb so wild. Freude ist etwas irritiert, aber auch verblüfft. Muss sie etwa doch nicht alles alleine schaffen?

Während sie und Kummer nun so durch das Labyrinth der Erinnerungen irren, um ins Bewusstsein zurück zu gelangen, fasst Letztere verbotenerweise eine ganze Reihe freudiger Erinnerungen an, wodurch diese einen Hauch Wehmut bekommen, offenbar die notwendige, unausweichliche 2. Seite jeder Medaille. 

Der Film endet damit, dass für einen kurzen Moment Kollege Angst ans Steuer darf und das Ruder herum reißt, welches zuvor von Wut und Abneigung gelenkt wurde. Durch diese abrupte Bewegung (intuitive Eingabe) öffnet sich eine zuvor nicht sichtbar gewesene Möglichkeit für Freude und Kummer, in die Schaltzentrale zurück zu kehren. Mit vereinter Kraft und gegenseitigem Vertrauen schaffen es diese unterschiedlichen Gefühle sämtliche zerstörte Werte der Persönlichkeit wieder aufzubauen und diese sogar noch strahlender und mannigfaltiger zu gestalten. Neue Werte kommen außerdem hinzu: Erfolgserlebnisse und… Jungs.

Die Film-Protagonistin ist inzwischen in der Pubertät, und ihr Cockpit bekommt ein zusätzliches, vorübergehendes Schalterpult, welches ausschließlich von der schnippischen Frau Anti-Haltung bedient werden darf. Ich kann gut verstehen, warum unsere Tochter zunächst gegen diesen Film war und warum gerade viele Dinge erst einmal lang und breit diskutiert werden müssen: es liegt einfache in der Natur der Dinge!

Wenn wir sämtliche unserer Gefühle liebevoll ernst nehmen, sie aufmerksam beobachten und ihnen gestatten, seine Aufgabe wahrzunehmen ohne es zu verurteilen oder gleich wieder in die hinterste Ecke zu schieben, bleiben wir in der Balance und die Freude wird immer einen Weg zurück in die Kommandozentrale zu finden um uns inneren Frieden zu schenken.

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