Das Trauma als Chance. Das VISIONEN-Essay von Katja Niedermeier (10/2015)


visionen cov_2015_10_klein_rgb "Möchten Sie jetzt Ihr Baby sehen?“ Ich war kurz zuvor aus der Narkose erwacht und hatte meinen flacher gewordenen Bauch ertastet. Langsam setzten sich die Puzzleteile in meinem Kopf zusammen. „Unbedingt“ flüsterte ich benommen. Die Schwester verschwand und kam mit einer Glückwunschkarte zurück auf der ein Polaroid von meinem „Frühchen“ im Brutkasten zu sehen war. Ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war, winzig und kaum zu erkennen vor lauter Schläuchen und Kabeln und Geräten. Die Windel, die diesem Wesen bis unter die Achseln reichte, war so gross wie meine Handfläche (ohne Finger), wie ich zwei Tage später selbst sehen konnte. Ich lächelte und schluchzte und wischte mir die Tränen von den Wangen und spürte alle nur erdenklichen Gefühle dieses Planeten auf einmal und musste über diese unwirkliche, ungewollte, unwillkommene und dennoch so reale Situation durch das Schluchzen hindurch kurz auflachen – völlig absurd, völlig gaga. Als wäre ich nicht ganz dicht. Die frische Narbe an meinem Unterbauch ermahnte mich auf schmerzvolle Weise, wieder zur Ruhe zu kommen. „Bitte retten sie unser Kind.“ hatte mein Mann vor der Notsectio gefleht. „Jetzt versuchen wir erst einmal, ihre Frau zu retten.“ hatte er zur Antwort bekommen, bevor man mich in den OP schob. Wenn die Katastrophe herein bricht und es nicht sicher ist, ob wir oder unsere Lieben den nächsten Tag erleben, und wir dann doch wieder aufwachen und atmen und das sogar ohne Beatmungsgerät, dann macht das etwas mit uns. Eine Veränderung tritt ein. Prioritäten und Werte verschieben sich. Die Wahrnehmung definiert sich neu. Wir erleben Gefühle, die zuvor vielleicht nur marginal aufgetaucht waren, wenn überhaupt. Und diese Gefühle sind stärker und deutlicher und ausgeprägter als jemals zuvor. Glück fühlt sich dann an, als müsse man wie ein Pfeil durch die Wolken schießen und dabei unweigerlich laut schreien. Angst ist dann so lähmend, dass selbst das Atmen nur ganz flach und vorsichtig geschieht - von klarem Denken kann gar keine Rede sein. Wenn Zorn auf den Plan tritt, ist er so vehement und so machtvoll, dass es besser ist, man lernt seine Vorzeichen kennen und verlässt dann rechtzeitig das Spielfeld. Eine Katastrophe ist ein Geschenk. Ich gebe zu, dass sie alles andere als hübsch verpackt daher kommt. Sie ist kein Geschenk, das wir uns zuvor gewünscht hätten. Wer wünscht sich schon ein ausgewachsenes Trauma?! Doch jede Krise beinhaltet etwas Wertvolles, einen Schatz. Dieser ist meistens enorm gut versteckt und nicht gleich auf-findbar. Dabei gilt zu beachten, dass jede Art von Trauma einen jeweils anderen Schatz enthält, und jeder dieser ver-schiedenen Schätze für jede Person unterschiedlich wahrnehmbar ist. Unkompliziert geht anders – ich weiss. Eine niederschmetternde Diagnose, der Verlust eines geliebten Menschen, die Flucht aus der Heimat, Ablehnung, Existenzangst, Vernachlässigung, Gewalt… die persönlichen Katastrophen dieser Erde sind mannigfaltig. Sie sind jedoch notwendig, um Botschaften zu übermitteln. Diese sind mitunter nur mit einer gehörigen Portion Engagement und Eigeninitiative zu verstehen, weil sie noch dazu mächtig verschlüsselt sind (Gott weiss, wozu das nun wieder gut sein soll). Dennoch dürfen sie als zwar heftige aber gleichwohl liebevolle Aufforderungen unseres Lebens angesehen werden, die Reise nach innen anzutreten. Und wenn wir uns auf diese Reise begeben - sei es professionell begleitet oder auf eigene Faust - dann kreuzt nach einer Weile ein neuer Bot-schafter namens „Wut“ unseren Weg. Dann werden wir uns der Ungerechtigkeit dieser Welt und unserer eigenen Hilflosigkeit bewusst, sind genervt von der Nonchalance unserer Politiker, verfluchen das Unvermögen unsers Chefs, das Unwissen unserer Vorfahren, die Dummheit der anderen und die Grausamkeit, zu der die Menschen fähig sind. Gerne gehen diese wutschürenden Forschungsarbeiten mit Fragen wie diesen einher:
  • Warum?!
  • Was soll das?!
  • Wie kann man nur?!
  • Was soll daran gut sein?!
  • Warum läßt Gott das zu?!
  • Warum ausgerechnet ich?!
  • Was habe ich bloss falsch gemacht?!
Solange da ein Ausrufezeichen hinter dem Fragezeichen steht, bleibt die Wut und lässt keinen Frieden zu - weder im Innen noch im Außen. Erst, wenn wirkliches Interesse an einer klärenden Antwort besteht, erst dann eröffnet sich die Chance, diese Antwort auch zu bekommen und Frieden zu finden. Solange wir aber über das katastrophale Geschenk wüten, es ablehnen und mit ihm hadern, zeigt sich dies auch im Außen: in Form von Aggression, Krieg, Unsicherheit, Flucht, Unglück, Grausamkeit und Schmerz. Jeder, dem ernsthaft daran gelegen ist, in einer friedvollen und erfreulichen Welt zu leben, wird nicht umhin kommen, engagiert und unbeirrt in sein Inneres zu reisen. Das Leben schenkt uns eine persönliche Katastrophe, damit wir unsere Wut-Fragen entwickeln, und die Chance nutzen, versöhnliche Antworten zu finden. Sobald uns diese zuteil werden, können wir nicht anders als zu lächeln. Und glauben Sie mir bitte: Jedes Lächeln heilt!

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