Friede sei mit dir – Übernimm die Verantwortung — Titel-Story „Achtsamkeit“ VISIONEN (4/2016) von Katja Niedermeier


Visionen Katja Niedermeier AprilDie Welt gerät aus den Fugen und wir alle tragen die Schuld daran. Sie, Sie, Sie und ich.  Augenblick, das war ein etwas sehr dramatischer Einstig. Ich fange noch mal an.

Das, was im kleinen, familiären Kreis stattfindet, ja, selbst das, was ausschließlich in unseren Köpfen passiert, findet an anderer Stelle in großem Stil statt: sei es Harmonie oder Konflikt, Fürsorglichkeit oder Nachlässigkeit, Freude oder Leid, Zuneigung oder Gewalt. Jeder Mensch kann mit Körper, Geist und Seele  wie eine in sich komplette Welt angesehen werden, mit allen Aspekten, die wir in der großen, weiten Weltauch wiederfinden, denn in unserem Körper und unserem Geist finden permanent Wachstum, Zerstörung, Erblühen, Verwüstung, Erneuerung, Regeneration, Tilgung und Vergänglichkeit statt. Das, was uns unser Erdball, die Natur und das Universum bieten, findet in einer Miniatur-Version in jedem einzelnen von uns statt. Das Verrückte daran: nichts davon fühlt sich minian! Alles, was uns persönlich betrifft, alles, was wir zu spüren bekommen, ist automatisch für uns von Bedeutung. Und aus all diesen bedeutungsvollen, menschlichen Kleinstwelten setzt sich dieses Große Ganze zusammen, was wir die Weltoder das Weltgeschehennennen. Wir tragen also eine ziemliche Verantwortung mit uns herum.

Oberflächlich betrachtet sind wir ein bisschen wie unsere Finger. Wir sind unterschiedlich groß, haben unterschiedliche Prägungen und Aufgaben, bewegen uns scheinbar völlig unabhängig von einander und dennoch sind wir alle an einer bestimmten Stelle fest mit etwas verankert, was wohl mit der Hand vergleichbar ist. Und diese Hand wird wiederum gesteuert von komplizierten Prozessen innerhalb des Gehirns. Was nun dem Gehirn im kosmischen Sinn entsprechen mag, ist etwas, was wir uns nicht vorstellen oder gar begreifen können. Nicht einmal das Gehirn selbst und die Entstehung unserer Gedanken sind bis heute vollständig erforscht. 

Wir sind alle Eins. Ein jeder von uns ist in seiner Gesamtheit Körper-Geist-Seele mit genau jenen Eigenschaften ausgestattet, die wir bei anderen Menschen als besonders bewundernswert oder verabscheuenswürdig halten. Ist das zu fassen? Jeder, der einmal das Wort Yogagehört oder gelesen oder sich eine Buddha-Figur als Deko-Artikel gekauft hat, ist schon einmal über den Gruß „Namasté“ gestolpert und wer wissbegierig ist, weiss, was er bedeutet: Das Göttliche in mir, erkennt das Göttliche in dir.

Es wäre so schön und so einfach, könnten wir uns von dem, was böse ist, abspalten. Dann könnten wir mit dem Finger darauf zeigen und "Igitt!" rufen. Nur, weil wir es schon so tun, heisst das nicht, dass es hilfreich, sinnvoll und gut ist.

In der heutigen Zeit der virtuellen Vernetzung werden wir mehr und geballter denn je mit einem komplexen und schweren Thema konfrontiert: SCHULD! Oder nennen wir es lieber Verantwortung. Täglich erfahren wir von Übeltätern, Ignoranten und Dummköpfen, die nicht in der Lage zu sein scheinen, dem Terror einen Riegel vorzuschieben, die Pole am Schmelzen zu hindern, den Wilderern das Handwerk zu legen, den Rassisten einen Weg aus der Misere zu weisen. Da werden munter und empört Artikel und Video-Sequenzen geteilt, die die vermeintlich Schuldigen für all das Leid in der Welt aufzeigen. Nur sind das leiderwir alle! Natürlich werden nicht wir persönlich für das Besorgnis erregende Weltgeschehen angeprangert. Immerhin sind wir durchaus in der Lage eine beruhigende, gedankliche Grenze zu ziehen zwischen "den Idioten" und uns selbst. Deshalb wird eben von den den unfähigen Politikern, den korrupten Banken, den naiven Gutmenschen, den dämlichen Wutbürgern, der zerstörerischen Rüstungsindustrieund den grausamen Fleischlieferantengesprochen. Doch was auch immer uns in pures Entsetzen versetzt, sind Wesens-Fragmente, die zu Teilen in uns selbst schlummern. Ganz gleich für wie engagiert und deutlich wir uns von Übel, Gewalt und Missbrauch distanzieren wollen, die Schattenseite sitzt in jedem von uns. Und dieser Schatten ist nicht etwa nur ein freundliches Mausgrau, sondern ein tiefsattes Anthrazit. Wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Sich dies bewusst zu machen, also wirklich darüber nachzudenken, wann und zu welchen Gelegenheiten wir grausam, rücksichtslos und boshaft sind, ist keine angenehme Beschäftigung, und wird in der Regel vermieden. Oder aber ein derartiger Wesensteil wird einfach kategorisch verleugnet. Doch wer sich aufrichtig für die Themen Verantwortungund Achtsamkeitinteressiert, wird um eine ganz bestimmte Einsicht nicht herum kommen: Wir alle sind nicht nur hilfsbereit, mitfühlend und gut, sondern wir sind an so mancher Stelle eben auch ignorant, desinteressiert, naiv, zerstörerisch, unfähig oder verhalten uns einfach dämlich. Eine dieser Stellen sind wir selbst mitsamt unserer Psyche, unserem Körper, unserer Bestimmung, unserm Wohlergehen. Wie häufig ignorieren wir unsere eigenen Bedürfnisse oder betrachten unseren Geist mit naiver Nonchalance und zerstören sehenden Auges unsere eigene Gesundheit bzw. gehen grausam und streng mit uns selbst ins Gericht. Wir behandeln unsere Miniwelt wirklich nicht immer gut. Und das spiegelt sich im globalen Geschehen wider. Was immer in der Welt geschieht, wir können uns getrost bewusst machen, dass genau jenes in Miniatur-Format zu gleichen Teilen in uns stattfindet.

Sobald wir die Verantwortung für unsere Gefühle und für unser tägliches Erleben übernehmen, ändern wir die Welt. Wir retten sie nicht, aber wir ändern sie. Wir selbst können dafür Sorge tragen, dass wir kraftvoll und voller Energie sind oder uns klein und ohnmächtig fühlen. So wie wir uns selbst sehen, so sind wir: belastet und belastend oder bereichert und bereichernd. Eine Veränderung der großen, weiten Weltkönnen wir niemals jemand anderem überlassen, nur weil diese andere Person am längeren Hebel sitzt oder die Entscheidungsgewalt hat. Denn genau dieser Hebel und diese Entscheidungsgewalt ist auch ein Teil von uns. Was sich innen befindet, kann nach außen gekehrt werden. Was im Kleinen stattfindet, findet an anderer Stelle im großen Stil statt.

Wir alle werden jeden Moment unseres Tages vor diese beiden Fragen gestellt:

Wie will ich sein?

Wie will ich mich fühlen?

Erlauben Sie mir ein wenig Provokation: Wenn ich mich unterschwellig immer leicht zornig und genervt fühlen will und nichts selber tun will, um dieses Gefühl los zu werden, dann genügt es, diesen inneren Zorn durch bestimmte Sätze, die ich denke und an die ich fleissig glaube, am Leben zu erhalten. Es reicht schon, sich regelmäßig an persönliche Konflikte zu erinnern ohne die Bereitschaft zur Versöhnung entstehen zu lassen, oder aber sich täglich und detailliert über die Kriege dieser Welt zu informieren. Sich hier und da einen Überblick zu verschaffen hat eine weitaus schwächere Auswirkung auf unser Gemüt, als täglich derartige Themen in Text und Bild zu konsumieren ohne gleichzeitig einen Ausgleich zu schaffen. Will ich mich nämlich friedlich und innerlich ausgeglichen fühlen, muss ich meine Aufmerksamkeit auf etwas Friedliches richten. Allein das ist vielen schon zu anstrengend, mühselig und riskant erscheint.   

Ich provoziere weiter: Will ich mich unterschwellig bedroht fühlen, dann muss ich einfach nur darauf achten, dass ich potentielle Gefahren wahrnehme, wo im akuten Moment um mich herum - da, wo ich gerade bin - gar keine sind.

Will ich mich hilflos und bedeutungslos fühlen, dann brauche ich nichts weiter zu tun, als jemandem in Not meine Hilfe zu verweigern, weil ich vielleicht nicht der Tropfen auf dem heißen Stein sein mag.

Wer sich ausgeliefert, abhängig und manipulierbar fühlen will, dem gelingt dies am besten, durch tägliches Zweifeln an sich selbst, der eigenen Verantwortungsmacht und die eigene Schöpferkraft.

Und um sich für andere aufzuopfern und dabei Leichtigkeit und Fröhlichkeit einzubüßen, ist es förderlich, den Zweifel am eigenen Wert aufrecht zu erhalten und auf gar keinen Fall die Zeit zu finden, sich auf eigene Faust weiter zu bilden.

Und wenn ich mich so richtig schutzlos fühlen will, dann genügt es, an nichts zu glauben, was nicht mit dem Verstand zu erklären ist.

Wann immer sich jemand durch sein eigenes Handeln gegen die Produktion angenehmer, stärkender Gefühle entscheidet, trägt er dazu bei, dass unsere Welt mit genau dieser Negativenergie weiter gefüttert und genährt wird.

Und jetzt kommts: Sobald wir allerdings den Wunsch nach globalem Frieden, nach familiärer Harmonie, sorgenfreier Unbeschwertheit und glucksender Glückseligkeit verspüren, sind wir auch in der Lage, genau diese Zustände eigenmächtig in uns hervorzurufen. Wir alle sind mit dieser Fähigkeit ausgestattet. Nur müssen wir vorher mit etwas anderem aufhören. Und da liegt bei manchen Menschen schon der Hund begraben. Wer gibt schon gerne eine Gewohnheit auf, die von niemandem angeprangert wird und das auch noch mit dem Wissen, dass dies nur mit enorm viel Eigeninitiative, Disziplin, Achtsamkeit und Willenskraft zu schaffen ist? Da mag man ja gar nicht erst beginnen mit dem Spaß! Und wissen Sie was? Ich kann es verstehen! Ich werde zwar keinen Applaus zollen, aber ich habe Verständnis. Und allein das genügt diesen Menschen meist schon. Sie wollen nämlich gar keinen Applaus, sondern einfach nur Verständnis für ihren geistigen (!) Phlegmatismus (selbst wenn sie ansonsten enorm beschäftigt und tüchtig sind), und sie wollen gefälligst in Ruhe gelassen und keinesfalls bekehrtwerden.

Es ist nämlich alles andere als einfach, etwas Vertrautes aufzugeben (vertraute Gedanken, Informationsquellen, Sichtweisen, vertrauter Lebensstil). Es ist viel einfacher und üblicher, das innere Beet der Ausgeglichenheit und Zuversichtlichkeit einem mehr oder weniger ausgebildeten Gärtner zu überlassen, einer semi-professionellen Fachkraft, die uns womöglich erklärt, dass unser Boden für Pflanzen wie Ausgeglichenheit und Zuversicht nicht geeignet sei. Dieser Gärtner heißt übrigens Gewohnheit und sein Azubi heißt Geistes-Bequemlichkeit.

Wir Menschen sind machtvolle Geschöpfe. Wir sind evolutionsbedingt in der Lage, selbst in katastrophalsten Verhältnissen Zuversicht und Kreativität zu empfinden, woraus Kraft und Glück wachsen können. Nelson Mandela hat es vorgemacht. Ebenso wie die Kinderrechtsaktivistin und Bestseller-Autorin Malala Yousafzai.  Es ist also möglich, trotz einer freudlosen Vergangenheit, trotz einer bedrohlichen Ist-Situation und trotz einer aussichtslosen Zukunftsperspektive etwas Gutes in sich gedeihen zu lassen und diese Pflanze so groß werden zu lassen, dass sie nicht mehr zu übersehen ist und Grund zum Feiern gibt.

Feiern Sie! 

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